Vorschau und Neuheiten
Oliver Götze: Der öffentliche Kosmos
Andrea M. Müller: Die französische Gesandtschaft in München in den ...
Irene Götz, Birgit Huber, Piritta Kleiner (Hrsg.): Arbeit in neuen Zeiten
Joachim Heberlein: »Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan ...
Albrecht Matthaei: Münzbild und Polisbild
Daniela Sadgorski: Andrea Bernasconi und die Oper am Münchner ...
Neuigkeiten
Die Ludwig-Maximilians-Universität im Dritten Reich · Aufsätze Teil II

Heinrich Wieland
im Großen Hörsaal
des Chemischen Staatslaboratoriums
Ein neues Kapitel Wissenschaftsgeschichte wurde am Montag, 27. Oktober 2008 im Senatssaal der Ludwig-Maximilians-Universität präsentiert. Der lang erwartete zweite Band »Aufsätze zur Geschichte der LMU im Dritten Reich · Aufsätze Teil II« im wurde von Frau Professor Kraus, der Herausgeberin der Anthologie, einem ausgewählten Publikum vorgestellt. Unter den Anwesenden waren auch Dr. Hans-Jochen Vogel, Staatsminister a.d. Prof. Dr. Hans Maier, der Präsident der LMU Prof. Dr. Bernd Huber und schließlich der Herausgeber der erfolgreichen Reihe »Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München«, Prof. Dr. Hans-Michael Körner.

Der Präsident der LMU,
Prof. Dr. Bernd Huber
bei seinem Grußwort
In ihrem Vortrag ging Frau Professor Kraus auf die verschiedenen Aspekte der nun in den beiden Bänden geschlossen präsentierten Forschungsergebnisse ein: »Wie in der deutschen Gesellschaft ganz allgemein kam der Nationalsozialismus auch an die Universitäten nicht über Nacht. Schon geraume Zeit vor dem Januar 1933 gab es an den deutschen Hochschulen und somit auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München nationalsozialistische Agitatoren, Propagandisten und Vordenker. Sie versuchten, Rassenhygiene und Eugenik, Antisemitismus und Germanenkult, Volkstumskunde und ›arische‹ Wissenschaften salonfähig zu machen und dies als das einzig akzeptable Wissenschaftsverständnis durchzusetzen. Freilich gab es ebenso wie in der gesamten deutschen Gesellschaft am Ende der Weimarer Republik auch an den Hochschulen Bewegungen, Gruppen und Einzelpersönlichkeiten, die, bei allen Unterschieden in ihren langfristigen Zielsetzungen, zumindest darin übereinstimmten, dass die Fachdisziplinen unbehelligt von politischen Aufträgen bleiben sollten und nationalsozialistisches Gedankengut weder Vorbedingung noch Methode oder Ergebnis wissenschaftlichen Forschens sein dürfe. […]

Prof. Dr. Elisabeth Kraus
bei ihrem Vortrag
Was das Verhalten von Hochschullehrern, Wissenschaftlern und Mitarbeitern zwischen Vorarbeit, Zuarbeit, Mitarbeit zum einen und Resistenz, Protest und Widerstand zum anderen, anlangt, bestätigen sich die im ersten Band ausgebreiteten Erkenntnisse: Die Extreme der Verhaltensweisen und Handlungsvarianten von Hochschullehrern, also klare und kämpferische NS-Parteigängerschaft zum einen und offener Widerstand mit massiver Gefährdung sowohl des Regimes wie der eigenen Person zum andern, sind denkbar selten an der LMU auszumachen. Dazwischen existierte eine Fülle von (Re-)Aktionsweisen; hierbei trifft man am ehesten noch auf den Typ des fachlich sehr kompetenten, daher schwerlich angreifbaren und auch kaum zu ersetzenden Wissenschaftlers, der infolgedessen auch nicht zum NS-Parteigänger werden musste, seine fachlichen Nischen pflegen und sein Institut ohne allzu große Einmischung der NS-Stellen weiter leiten konnte, wenn er nur nicht obstruktiv oder renitent wurde.

Der Präsident und die Herausgeber
von Titel und Reihe
(Prof. Dr. Huber, Prof. Dr. Kraus
und Prof. Dr. Körner)
Weitaus seltener vertreten, ja nur sehr vereinzelt aufzuspüren sind die ganz wenigen Hochschullehrer und Wissenschaftler, die aufgrund ihrer nationalen wie internationalen Reputation nicht nur relativ ungestört ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten nachgehen und somit weitgehend uneingeschränkt forschen und lehren konnten, sondern darüber hinaus Freiräume, also Studien-, Forschungs- oder Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für nonkonforme oder bereits ausgegrenzte Studenten und Mitarbeiter ausgespäht, abgesichert und genutzt haben. Erstaunlich häufig findet sich somit insgesamt betrachtet die Wahrung des fachlich-wissenschaftlichen Primats vor dem politischen. In den wenigen Fällen, wo es sich andersherum verhielt, sich also der Primat des Politischen gegen das Fachliche durchsetzte, geschah dies nicht unbedingt durch übereinstimmende Protektion des Kandidaten von Seiten aller in den jeweiligen Prozess involvierten Einrichtungen von Universität, Staat und Partei.

Dr. Hans-Jochen Vogel
im Gespräch mit Verleger Herbert Utz
Weder also war die LMU von einer intensiveren NS-Affinität geprägt als andere Universitäten jener Jahre; ebenso wenig freilich würde es die historische Realität richtig widerspiegeln, wollte man sie in mythischer Überhöhung sehr vereinzelter widersetzlicher Verhaltensweisen in Geschwister-Scholl-Universität umbenennen. Sie war in der NS-Zeit weder stärker braun eingefärbt noch wurde sie nach 1945 gründlicher weiß gewaschen als andere. Die Defizite und Unzulänglichkeiten von Entnazifizierung und Rückberufung dürften sich grundlegend weder von anderen Universitäten unterschieden haben noch von anderen gesellschaftlichen Bereichen in jener von Lutz Niethammer schon vor Jahrzehnten so bezeichneten ›Mitläuferfabrik‹.

Die anwesenden Autoren zusammen mit Prof. Dr. Elisabeth Kraus
und Herbert Utz
Eine Besonderheit der LMU allerdings sehe ich sehr wohl: Die Handlungsspielräume, die Hochschullehrer generell und insbesondere solche mit Nobelpreisen und anderen hohen Auszeichnungen versehene Wissenschaftler hatten, wurden an der LMU offensichtlich 1) von mehreren Persönlichkeiten und 2) stärker und effizienter genutzt. Ein klein wenig dürfte sich daher insgesamt und im Abstand von 65 Jahren zu den maßgeblichen Vorgängen betrachtet die Waage senken zugunsten unangepassten, mutigen, resistenten und widerständischen Verhaltens nicht nur in der Studentenschaft, sondern auch in der Professorenschaft. Dies lässt die Universität im München jener Jahre ein klein wenig stärker leuchten.«
So wurde die höchst erfolgreiche Reihe »Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München« eindruckvoll fortgesetzt. Bereits der erste Band »Aufsätze zur Geschichte der LMU im Dritten Reich · Aufsätze Teil I«, die Monografien »Degradierte Doktoren« von Stefanie Harrecker und der »Band über den Dekan und Rektor Walter Wüst« von Maximilian Schreiber riefen in der Fachwelt sowie auch bei einem breiteren Leserkreis großes Interesse hervor. Weitere Bände sind, so wurde am Rande der gut besuchten Veranstaltung bekannt, bereits in Planung.
Leseprobe »LMU im Dritten Reich · Aufsätze Teil II« als PDF zum Download
zur Bestellung der Broschur von »Die LMU im Dritten Reich · Aufsätze Teil II« über unseren Webshop
zur Bestellung der Hardcoverausgabe von »Die LMU im Dritten Reich · Aufsätze Teil II« über unseren Webshop
(portofreie Lieferung!)
Herbert Utz Verlag auf Twitter