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Erinnerungen eines Zeitzeugen an die KZ-Hölle

In den heutigen Zeiten, in denen antisemitische Aussagen in gewissen Kreisen wieder salonfähig werden und rechte Parteien in vielen europäischen Ländern Wahlerfolge feiern, darf die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten nicht aufhören. Vor allem die Schilderungen von Zeitzeugen verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise die Strategie der Entmenschlichung, die die Nationalsozialisten verfolgten. In ihren Erinnerungen wird Geschichte lebendig. Nun hat sich mit den Memoiren von Venanzio Gibillini eine weitere Stimme zu dem Chor der Kämpfer gegen das Vergessen hinzugesellt. In »Warum gefangen? Erinnerungen an die Deportation 1944–1945« denkt er an die dunkelste Zeit seines Lebens zurück.

Bundesarchiv Bild 183 J30385 Italienische Kriegsinternierte werden Zivilarbeiter3

Attribution: Bundesarchiv, Bild 183-J30385 / Schwahn / CC-BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)
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44758Als Mussolini im Spätsommer 1943 abgesetzt wird, um den Weg frei zu machen für Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten, reagiert Hitler sofort und lässt die italienische Halbinsel von seinen Truppen besetzen. Die italienischen Soldaten werden gezwungen, gegen die Alliierten weiterzukämpfen. Viele verweigern sich jedoch, tauchen unter oder treten dem Widerstand bei. Einer davon ist der 19-jährige Venanzio Gibillini aus Mailand. Er wird daraufhin von den Deutschen gefangen genommen und im September 1944 nach Deutschland deportiert, zuerst ins KZ Flossenbürg, dann nach Kottern. In den Konzentrationslagern erlebt Gibillini unvorstellbare Schikanen, sieht die ausgemergelten Körper der Insassen und riecht den Rauch der Krematorien. Das Grauen hat erst ein Ende, als Gibillini am 28. April 1945 während des Todesmarsches Richtung Süden von den Amerikanern befreit wird.

 

Immer noch fassungslos angesichts der Grausamkeiten im KZ berichtet Gibellini in seinen Erinnerungen von den Qualen, die er während des Krieges erdulden musste. Er machte es sich in seinen späteren Jahren zur Aufgabe, diese Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Unermüdlich erzählte er Jugendlichen an italienischen Schulen, was er durchlebt und wie er überlebt hatte. Der Mission Gibellinis dient auch dieses Buch, das erstmals neben der italienischen Originalfassung eine ins deutsche übersetzte Version seiner Geschichte enthält. »Warum gefangen? Erinnerungen an die Deportation 1944–1945« wird durch einen wissenschaftlichen Begleittext ergänzt, der die Schilderungen historisch einordnet. Ein packender Bericht eines Anfang 2019 verstorbenen Zeitzeugens, der den Kampf gegen das Vergessen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte.

 

Katharina Wohlfart